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Blog über politische Ökologie von Wasserkraft und Öl-Extraktivismus in Kolumbien

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Willkommen auf meinem Blog

22. November 2024

Willkommen auf meinem neuen Blog! Hier werde ich über meine Forschung zur politischen Ökologie der Wasserkraft und des Öl-Extraktivismus in Kolumbien schreiben.

Erste Annäherungen an Arauca

09.01.2025

Über zwei Monate sind schon vergangen seitdem ich mit meinem Praktikum in Kolumbien begonnen habe. Ich hatte nicht vor einen Blog zu schreiben, habe aber im Laufe der Zeit gemerkt, dass ich das Bedürfnis habe meine Erkenntnisse und Gedanken zu teilen. Und auch wenn diesen Blog niemand liest, so ist Schreiben immer auch Denken und es hilft mir meine Gedanken zu sortieren und die Geschichten, die mir erzählt wurden zu dokumentieren - natürlich anonymisiert.

Die Ausgangslage

Im November 2024 habe ich ein dreimontiges Praktikum am Centro Interdisciplinario sobre Estudios de Desarollo (CIDER) bei Maria Cecilia Roa Garcia begonnen. Sie arbeitet momentan mit zwei Co-Autorinnen an einem Buchzum Verhältnis vom kolumbianischen Staat zu den Flüßen. Das Buch soll 2026 veröffentlicht werden und ich arbeite an einem der Kapitel mit - dem Kapitel zum Fall des Rio Arauca und des hydrologischen Systems Lipa. Arauca ist eine Provinz an der Grenze zu Venezuela. Die Hauptstadt heißt passenderweise auch Arauca und nur ein Fluß - der Rio Arauca - trennt Kolumbien hier von Venezuela.
Blick über den Rio Arauca auf Venezuela
Auf der anderen Seite des Rio Arauca ist Venezuela. Es herrscht normalerweise reger Bootsverkehr, da die Grenze nicht kontrolliert wird.
Der Rio Arauca ist eine internationale Grenze, ein wichtiger Handelsweg, ein Migrationshotspot und ein kulturell wichtiger Teil des Lebens der Menschen, die dort wohnen. Ende November war ich für acht Tage in Arauca und habe dort unter anderem Interviews mit verschiedenen Menschen geführt und sie auch nach der kulturellen Bedeutung der Flüsse gefragt an denen sie leben. Eine Frau erzählte mir, dass der 25. Dezember und der 1. Januar "es para el rio" ("für den Fluss" seien). Da würden Familien, die am Rio Arauca wohnen dort baden gehen. Sie meinte, dass inzwischen auch einige Leute einfach ins Schwimmbad gehen würden, weil das Wasser dort sauberer sei, aber die meisten würden immer noch in den Fluss baden gehen, weil das Schwimmbad kein Ersatz sei. Hier sehen wir schon einen zentralen Punkt, der an anderer Stelle immer wieder auftauchen wird: die Menschen dort sind mit den Gewässern verbunden, auch wenn sie verschmutzt sind.

Worum ging es?

15.01.2025

In den 1980er Jahren hat der Ölkozern Occidental (Oxy) Erdölexplorationen in Arauca vorgenommen und dabei das Ölfeld Caño Limón erschlossen. Seitdem haben Oxy, Ecopetrol und heutzutage Sierracol 628 Erdölbohrleitungen eröffnet. Von denen ist heute noch die Hälfte aktiv, also etwas mehr als 300 aktive Bohrlöcher. Darunter auch die einzige off-shore Bohrplattform Kolumbiens, die nicht an der Küste ist.

Die Bohrplattform Chipirón in der Mitte der Laguna Lipa
Die Bohrplattform Chipirón in der Mitte der ausgetrockneten Laguna Lipa. Verbunden mit dem Festland durch die einzige Zugstrecke der Region. Quelle: Webseite von Sierracol.
Die Bohrplattform Chipirón in der Mitte der Laguna Lipa
Auf der Karte sieht man die ehemalige Ausdehnung der Lagune. Quelle: OpenStreetMap
1985 gab es dann die ersten Probleme. Dadurch, dass die Bohrplattformen alle auf Sumpfgebiet und inmitten dieses hydrologischen Systems "Lipa" gelegen waren, kam es zu großen Überflutungen. Die Region um Arauca wird auch als llanos inundables bezeichnet, was wörtlich übersetzt die "überflutbaren Ebenen" bedeutet. Geographisch gesehen handelt es sich um saisonal überflutete Feuchtsavannen, die durch den Rio Orinoco entwässert werden. Der Rio Orinoco wird an Wassermengen in Lateinamerika nur vom Amazonas übertroffen und ist der viertwasserreichste Fluss der Welt. Alexander von Humboldt beschreibt diesen Fluss in seinem Buch "Vom Orinoko zum Amazonas. Reise in die Äquinoktial-Gegenden des neuen Kontinents" (1808) und einer der wichtigsten Romane der kolumbianischen Literatur "La Vorágine" (1924) von Jose Eustasio Rivera spielt dort. Zahlreiche Mythen und Legenden spinnen sich um diese Feuchtsavannen und dessen schwierige Besiedlung. Meist werden die Geschichtenerzähler auf einem der Ukulele-ähnlichen Instrument begleitet - dem cuatro llanero. Wer einen Höreindruck möchte, kann hier reinhören: Jeder meiner acht Tage in Arauca fing mit diesen Liedern an. Denn ich war dort nicht alleine, sondern wurde herumgeführt von einem líder social (ich kenne keine gute Übersetzung, aber es meint sowas wie ein Aktivist, der sozialen Wandel anführt), den wir hier Alejandro nennen wollen. Der Name ist geändert, da er als líder social Morddrohungen erhalten hat. Aufgrund dieser Morddrohungen hat Alejandro vom kolumbianischen Staat ein Auto mit Fahrer und bewaffneten Bodyguard zur Verfügung bekommen. Wir vier sind also jeden Morgen losgefahren und erstmal 100km in eine Richtung gefahren, denn der Staat zahlt Fahrer und Bodyguard nur das Mittagessen, wenn sie mindest 100km von zuhause weg waren. Das musste also erstmal nachgewiesen werden, bevor wir gefrühstückt haben und dann mit dem eigentlichen Ziel des Tages begonnen haben. Während diesen 100km jeden Morgen lief dann eine CD mit den Legenden und Mythen der Region.

Aber zurück zu den Überschwemmungen 1985. Der Ölkonzern Oxy hat festgestellt, dass sie etwas unternehmen müssen, wenn sie nicht wollen, dass ihre Plattformen immer wieder weggespült werden. Die Lösung war der massive Eingriff in das hydrologische System. 1986 wurden mit Helikoptern riesige Betonklötze in den Rio Boyacero gestellt, die eine Barriere bilden sollten, die die Flussgeschwindigkeit bremsen sollte. Dieser erste Eingriff in das Ökosystem hat bereits enormen Schaden angestellt. Später wurde mit Bulldozern ein 6km langes Flussstück des Caño Agua Limón verstopft sodass die Bohrplattform PF2 nicht mehr überflutet wurde. Damit wurden allerdings auch die wichtigsten Zuläufe in die Laguna Lipa verstopft, die dadurch ausgetrocknet ist. Alle Menschen, die ich interviewt habe, haben mir von den enormen Auswirkungen erzählt, die dieser Eingriff auf Flora und Fauna hatte. Alle sprachen von der "riqueza" (dem Reichtum), den die Lagune gebracht hatte. Wenn man mit dem Kanu über die Lagune gefahren sei, musste man das Netz nichtmal auswerfen, die Fische seien einfach so ins Boot gesprungen. Wenn man das Kanu über Nacht im Wasser gelassen hätte, wäre es am nächsten Morgen voll mit Fischen gewesen und Menschen, die in der Nähe des Rio Lipa, dem Fluss der aus der Lagune entsprang, gewohnt haben, konnten manchmal nachts nicht schlafen, weil die Menge der Fische so laut gewesen war. Heute ist von dieser "riqueza" nichts mehr übrig. Denn das terra-forming hatte noch einen weiteren Vorteil für Oxy: die Abwässer aus der Erdölproduktion konnten in die ausgetrockneten Flüsse, Bäche und Lagunen geleitet werden. Zu den Ausmaßen dessen, dann im nächsten Post.

Wie hält man die Auswirkungen fest?

26.01.2025

Solche enormen Eingriffe, die ein ganzes Ökosystem verändert haben und immer noch verändern, scheinen erstmal recht einfach nachzuweisen. Jedoch braucht es ja ein gewisser Weise ein Wissen darüber, wie der Bevor-Zustand gewesen ist. Arauca war vor dem Eintreffen des Öl-Konzerns nur sehr schwach erschlossen. Zwar begann schon in den 1960er Jahren die sogenannte "colonización del Sarare" (die Besiedlung der Savanne, frei übersetzt), bei der Viehzucht und Reisanbau nach Arauca kamen. Doch der große Bau von Straßen und Infrastruktur begann erst mit dem Eintreffen von Oxy 1984. Zu diesem Zeitpunkt brauchte man noch einen gesamten Tag im Kanu um von Panama de Arauca (dem Dorf in dem Alejandro damals Grundschullehrer gewesen ist) in die nächste Stadt (Arauca) zu kommen. Straßenverbindungen gab es nicht. Ich empfehle an dieser Stelle schonmal den Besuch der Webseite, die ich im Rahmen des Praktikums programmiert habe. Es handelt sich um eine interaktive Karte der Region: gisarauca.github.io. Was direkt ins Auge fällt ist der große grüne Bereich. Das sind die ehemaligen Ausmaße der Laguna Lipa. Am süd-westlichen Ende der Lagune liegt Panama de Arauca und wenn man rauszoomt nord-östlich der Lagune liegt Arauca. Man musste damals also einmal die Lagune überqueren und dann über einen der drei Caños (Bäche), die die Lagune mit Wasser versorgt haben (Caño Caranalito, Caño Gaviota oder Caño Managua) zum Rio Caranal kommen, der dann auf den Brazo Bayonero trifft, der dann in den Rio Arauca führt. Diese komplizierte und lange Fahrt ist jetzt nicht mehr nötig, da wie wir sehen können inzwischen viele Straßen gebaut wurden; sie ist aber auch nicht mehr möglich. Die drei Caños sind so auf keiner Karte mehr zu sehen, weil sie nur noch tümpelhaft an manchen Stellen Wasser führen. Ich habe den Verlauf dieser Caños mithilfe von Satellitenbildern nachgezeichnet. Als ich im November dort war sind wir zu jedem dieser Caños gefahren, wodurch ich zumindest einen Anhaltspunkt hatte, wo sie mal langgeflossen sind. Mithilfe dieses Anhaltspunkt konnte ich dann auf Satellitenbildern nach Veränderungen in der Vegetation suchen oder Stellen an denen doch noch etwas stehendes Wasser im Flussbett nach Regenfällen zu finden ist. Es war eine Art hydrologischer Archäologie diesen ausgetrockneten Flüßen nachzuspüren und sie manchmal unter Bäumen zu verlieren und sie dann aber doch wiederzufinden und ihre Abzweigungen nachzuverfolgen. Es ist die politische Vision von Alejandro und seiner Organisation irgendwann diese Barrieren abzureißen und die Lagune durch die Caños wieder fluten zu können. [to be continued] Ein konkreter Plan an diese Erlaubnis zu kommen ist, die Auswirkungen auf das Ökosystem so festzuhalten, dass dann ein Gericht dem Ölkonzern die Lizenz zum Ableiten der Abwässer in das hydrologische System entziehen kann. Die Lizenz täglich (!) 268 Millionen (!) Liter verschmutztes Wasser in das hydrologische System einzuleiten wurde 2023 nochmal verlängert, allerdings unter strikteren Auflagen. Unter anderem muss ein community monitoring stattfinden, d.h. die betroffenen Menschen, die an diesen Flüßen leben, müssen die Möglichkeit haben bei den Überprüfungen der Wasserqualität dabei zu sein. Es fehlt nämlich eine Unabhängigkeit in der Nachverfolgung der Auswirkungen. Der Ölkonzern Sierracol beauftragt und bezahlt ein Labor, das dann für sie die Messungen durchführt und auswertet. Die Ergebnisse aus dem Labor stehen oft in erschreckendem Gegensatz zu den Realitäten, von denen die Menschen vor Ort berichten. So ist die Termperatur der Ausflüsse aus der Erdölproduktion den Laborwerten zufolge immer im Bereich der Vorgaben zwischen 25°C und 32°C. Mir haben jedoch Anwohner*innen davon berichtet, dass an manchen Tagen unangekündigt kochend heißes Wasser aus der Produktionsstätte kommt. Dadurch, dass das Labor nicht unangekündigt kommt, kann der Ölkonzern die Produktion für die Messungen so anpassen, dass die Standards eingehalten werden. Dieses Problem kann das community monitoring zwar auch nicht beheben, jedoch können die Anwohner*innen zumindest in der Theorie sicherstellen, dass die Proben richtig genommen werden und die Messgeräte richtig kalibriert sind. Ich konnte im November auch an so einem community monitoring teilnehmen und zum Beispiel das Nehmen einer Wasserprobe beobachten. Für 30 Tage wird jede Stunde an den selben drei Stellen eine Wasserprobe entnommen, die auf pH-Wert, Temperatur, Leitfähigkeit und Sauerstoffgehalt untersucht wird. Natürlich kann niemand der dortwohnenden 30 Tage lang jede Stunde den Leuten aus dem Labor über die Schulter schauen, aber wir waren zumindest bei einer Messung dabei. Es wird gezeigt, wie der Eimer mit dem das Wasser gesammelt wird ausgewaschen wird, sodass keine Rückstände drinnen sind, dann wird er ins Wasser gelassen und mit einem Reagenzglas wird Wasser aus dem Eimer entnommen und in ein Messgerät gegeben. Es wird uns auch gezeigt, dass das Messgerät korrekt kalibriert ist, aber natürlich fehlt uns das Wissen über Messgeräte um das wirklich nachvollziehen zu können. Das Messgerät zeigt dann einen pH-Wet von 8.17 an. Ich frage den Labormitarbeiter was dieser Wert bedeutet, ob das sauer oder basisch sei. Er antwortet: "Pues eso es el valor 8.17" ("Also das ist der Wert 8.17"). Ich hake nach, ob er mir den Wert in einen Kontext setzen könne. Er sagt: "Ah, pues eso es la cifra que tenemos esa hora, la próxima hora puede ser distinto..." ("Ah, also das ist der Wert den wir in dieser Stunde bekommen haben, nächste Stunde kann das ein anderer Wert sein..."). Es wird dann ein Foto von dem Bildschirm des Messgeräts gemacht und in eine Whatsapp-Gruppe geschickt in der Interessierte am monitoreo communitario sind. Ich habe auch gefragt, ob am Ende eine excel- oder .csv-Tabelle erstellt werden würde, die man dann statistisch auswerten könne. Das sei nicht der Fall. Es stehen nur die Fotos in der Whatsapp-Gruppe zur Verfügung, was einen Vergleich über die Messungen hinweg erschwert. Diese beiden Punkte zusammen, ergeben ein Bild, dass das Labor zwar Daten erhebt, diese aber nicht strukturiert oder der community zur Einordnung zur Verfügung steht. Die Teilnehmer*innen am monitoreo communitario sehen zwar, dass der pH-Wert richtig erhoben wurde, wissen aber nicht was er bedeutet oder wie er sich verändert und das Labor will ihnen auch nicht dabei helfen das zu verstehen. Diese Menschen haben oftmals als Bäuer*innen oder Fischer*innen sehr eng mit der Natur zusammengelebt bevor der Ölkonzern in die Region kam. Sie verstanden sehr gut, was in der Natur vorgeht - wann eine Überschwemmung kommt, wann besonders viele Fische im Fluß sind, wann der Boden gesünder ist und wann eher was anderes angepflanzt werden sollte. Dieses Verstehen der Natur und sich in der Natur ist durch die enormen Eingriffe in das Ökosystem durch den Ölkonzern verloren gegangen. Mal kommt das Wasser kochend heiß an ihnen vorbei, manchmal in normaler Temperatur; der eine Caño hat Wasser, das nicht vom Erdölkonzern beeinflusst ist, der direkt daneben hat Wasser, das mit krebserregenden Schwermetallen aus der Erdölproduktion verunreinigt ist. Welchen Fisch kann man noch essen und welcher macht krank? In der Vereda El Sinai, dem meist betroffensten Abschnitt, ist im März 2024 ein 25-Jähriger an Magenkrebs gestorben, weil er zu viel von Fischen gegessen hat, die nachweislich mit den krebserregenden Schwermetallen verseucht waren, berichteten mir seine Nachbarinnen. Trotz aller Schwierigkeiten für die community sinnvoll an diesem monitoring teilzunehmen, sehen sie es als einen Weg sich dieses Verständnis über ihre Umwelt wiederzuholen.

Eine deutsche Firma baut eine Öl-Pipeline.

21.03.2025

Ein kurzer Einschub zu einem Thema, das nicht wirklich Teil des Forschungsprojekts war, aber trotzdem relevant ist. Das Öl, das in Arauca gefördert wird, sollte ja dann auch exportiert werden. Dafür sollte eine Pipeline gebaut werden, die das Öl vom Förderort in Arauca bis an die Karibikküste bringt, wo es dann in Schiffen abtransportiert werden kann. Da jedoch keine kolumbianische Firma Erfahrung im Bau von 780km langen Öl-Pipelines hatte, wurde die deutsche Mannesmann AG mit der technischen Umsetzung beauftragt. 1984 wurden während des Baus der Pipeline zwei deutsche Ingenieure von dem ELN (ejercito liberatorio nacional) entführt. Das ELN hatte sich gegründet, um einen revolutionären bewaffneten Befreiungskampf zu führen. Mit Vorbildern aus der Guerilla-Bewegung [work in Progress]