Willkommen auf meinem Blog
Willkommen auf meinem neuen Blog! Hier werde ich über meine Forschung zur politischen Ökologie der Wasserkraft und des Öl-Extraktivismus in Kolumbien schreiben.
Blog über politische Ökologie von Wasserkraft und Öl-Extraktivismus in Kolumbien
Willkommen auf meinem neuen Blog! Hier werde ich über meine Forschung zur politischen Ökologie der Wasserkraft und des Öl-Extraktivismus in Kolumbien schreiben.
Über zwei Monate sind schon vergangen seitdem ich mit meinem Praktikum in Kolumbien begonnen habe. Ich hatte nicht vor einen Blog zu schreiben, habe aber im Laufe der Zeit gemerkt, dass ich das Bedürfnis habe meine Erkenntnisse und Gedanken zu teilen. Und auch wenn diesen Blog niemand liest, so ist Schreiben immer auch Denken und es hilft mir meine Gedanken zu sortieren und die Geschichten, die mir erzählt wurden zu dokumentieren - natürlich anonymisiert.
In den 1980er Jahren hat der Ölkozern Occidental (Oxy) Erdölexplorationen in Arauca vorgenommen und dabei das Ölfeld Caño Limón erschlossen. Seitdem haben Oxy, Ecopetrol und heutzutage Sierracol 628 Erdölbohrleitungen eröffnet. Von denen ist heute noch die Hälfte aktiv, also etwas mehr als 300 aktive Bohrlöcher. Darunter auch die einzige off-shore Bohrplattform Kolumbiens, die nicht an der Küste ist.
Solche enormen Eingriffe, die ein ganzes Ökosystem verändert haben und immer noch verändern, scheinen erstmal recht einfach nachzuweisen. Jedoch braucht es ja ein gewisser Weise ein Wissen darüber, wie der Bevor-Zustand gewesen ist. Arauca war vor dem Eintreffen des Öl-Konzerns nur sehr schwach erschlossen. Zwar begann schon in den 1960er Jahren die sogenannte "colonización del Sarare" (die Besiedlung der Savanne, frei übersetzt), bei der Viehzucht und Reisanbau nach Arauca kamen. Doch der große Bau von Straßen und Infrastruktur begann erst mit dem Eintreffen von Oxy 1984. Zu diesem Zeitpunkt brauchte man noch einen gesamten Tag im Kanu um von Panama de Arauca (dem Dorf in dem Alejandro damals Grundschullehrer gewesen ist) in die nächste Stadt (Arauca) zu kommen. Straßenverbindungen gab es nicht. Ich empfehle an dieser Stelle schonmal den Besuch der Webseite, die ich im Rahmen des Praktikums programmiert habe. Es handelt sich um eine interaktive Karte der Region: gisarauca.github.io. Was direkt ins Auge fällt ist der große grüne Bereich. Das sind die ehemaligen Ausmaße der Laguna Lipa. Am süd-westlichen Ende der Lagune liegt Panama de Arauca und wenn man rauszoomt nord-östlich der Lagune liegt Arauca. Man musste damals also einmal die Lagune überqueren und dann über einen der drei Caños (Bäche), die die Lagune mit Wasser versorgt haben (Caño Caranalito, Caño Gaviota oder Caño Managua) zum Rio Caranal kommen, der dann auf den Brazo Bayonero trifft, der dann in den Rio Arauca führt. Diese komplizierte und lange Fahrt ist jetzt nicht mehr nötig, da wie wir sehen können inzwischen viele Straßen gebaut wurden; sie ist aber auch nicht mehr möglich. Die drei Caños sind so auf keiner Karte mehr zu sehen, weil sie nur noch tümpelhaft an manchen Stellen Wasser führen. Ich habe den Verlauf dieser Caños mithilfe von Satellitenbildern nachgezeichnet. Als ich im November dort war sind wir zu jedem dieser Caños gefahren, wodurch ich zumindest einen Anhaltspunkt hatte, wo sie mal langgeflossen sind. Mithilfe dieses Anhaltspunkt konnte ich dann auf Satellitenbildern nach Veränderungen in der Vegetation suchen oder Stellen an denen doch noch etwas stehendes Wasser im Flussbett nach Regenfällen zu finden ist. Es war eine Art hydrologischer Archäologie diesen ausgetrockneten Flüßen nachzuspüren und sie manchmal unter Bäumen zu verlieren und sie dann aber doch wiederzufinden und ihre Abzweigungen nachzuverfolgen. Es ist die politische Vision von Alejandro und seiner Organisation irgendwann diese Barrieren abzureißen und die Lagune durch die Caños wieder fluten zu können. [to be continued] Ein konkreter Plan an diese Erlaubnis zu kommen ist, die Auswirkungen auf das Ökosystem so festzuhalten, dass dann ein Gericht dem Ölkonzern die Lizenz zum Ableiten der Abwässer in das hydrologische System entziehen kann. Die Lizenz täglich (!) 268 Millionen (!) Liter verschmutztes Wasser in das hydrologische System einzuleiten wurde 2023 nochmal verlängert, allerdings unter strikteren Auflagen. Unter anderem muss ein community monitoring stattfinden, d.h. die betroffenen Menschen, die an diesen Flüßen leben, müssen die Möglichkeit haben bei den Überprüfungen der Wasserqualität dabei zu sein. Es fehlt nämlich eine Unabhängigkeit in der Nachverfolgung der Auswirkungen. Der Ölkonzern Sierracol beauftragt und bezahlt ein Labor, das dann für sie die Messungen durchführt und auswertet. Die Ergebnisse aus dem Labor stehen oft in erschreckendem Gegensatz zu den Realitäten, von denen die Menschen vor Ort berichten. So ist die Termperatur der Ausflüsse aus der Erdölproduktion den Laborwerten zufolge immer im Bereich der Vorgaben zwischen 25°C und 32°C. Mir haben jedoch Anwohner*innen davon berichtet, dass an manchen Tagen unangekündigt kochend heißes Wasser aus der Produktionsstätte kommt. Dadurch, dass das Labor nicht unangekündigt kommt, kann der Ölkonzern die Produktion für die Messungen so anpassen, dass die Standards eingehalten werden. Dieses Problem kann das community monitoring zwar auch nicht beheben, jedoch können die Anwohner*innen zumindest in der Theorie sicherstellen, dass die Proben richtig genommen werden und die Messgeräte richtig kalibriert sind. Ich konnte im November auch an so einem community monitoring teilnehmen und zum Beispiel das Nehmen einer Wasserprobe beobachten. Für 30 Tage wird jede Stunde an den selben drei Stellen eine Wasserprobe entnommen, die auf pH-Wert, Temperatur, Leitfähigkeit und Sauerstoffgehalt untersucht wird. Natürlich kann niemand der dortwohnenden 30 Tage lang jede Stunde den Leuten aus dem Labor über die Schulter schauen, aber wir waren zumindest bei einer Messung dabei. Es wird gezeigt, wie der Eimer mit dem das Wasser gesammelt wird ausgewaschen wird, sodass keine Rückstände drinnen sind, dann wird er ins Wasser gelassen und mit einem Reagenzglas wird Wasser aus dem Eimer entnommen und in ein Messgerät gegeben. Es wird uns auch gezeigt, dass das Messgerät korrekt kalibriert ist, aber natürlich fehlt uns das Wissen über Messgeräte um das wirklich nachvollziehen zu können. Das Messgerät zeigt dann einen pH-Wet von 8.17 an. Ich frage den Labormitarbeiter was dieser Wert bedeutet, ob das sauer oder basisch sei. Er antwortet: "Pues eso es el valor 8.17" ("Also das ist der Wert 8.17"). Ich hake nach, ob er mir den Wert in einen Kontext setzen könne. Er sagt: "Ah, pues eso es la cifra que tenemos esa hora, la próxima hora puede ser distinto..." ("Ah, also das ist der Wert den wir in dieser Stunde bekommen haben, nächste Stunde kann das ein anderer Wert sein..."). Es wird dann ein Foto von dem Bildschirm des Messgeräts gemacht und in eine Whatsapp-Gruppe geschickt in der Interessierte am monitoreo communitario sind. Ich habe auch gefragt, ob am Ende eine excel- oder .csv-Tabelle erstellt werden würde, die man dann statistisch auswerten könne. Das sei nicht der Fall. Es stehen nur die Fotos in der Whatsapp-Gruppe zur Verfügung, was einen Vergleich über die Messungen hinweg erschwert. Diese beiden Punkte zusammen, ergeben ein Bild, dass das Labor zwar Daten erhebt, diese aber nicht strukturiert oder der community zur Einordnung zur Verfügung steht. Die Teilnehmer*innen am monitoreo communitario sehen zwar, dass der pH-Wert richtig erhoben wurde, wissen aber nicht was er bedeutet oder wie er sich verändert und das Labor will ihnen auch nicht dabei helfen das zu verstehen. Diese Menschen haben oftmals als Bäuer*innen oder Fischer*innen sehr eng mit der Natur zusammengelebt bevor der Ölkonzern in die Region kam. Sie verstanden sehr gut, was in der Natur vorgeht - wann eine Überschwemmung kommt, wann besonders viele Fische im Fluß sind, wann der Boden gesünder ist und wann eher was anderes angepflanzt werden sollte. Dieses Verstehen der Natur und sich in der Natur ist durch die enormen Eingriffe in das Ökosystem durch den Ölkonzern verloren gegangen. Mal kommt das Wasser kochend heiß an ihnen vorbei, manchmal in normaler Temperatur; der eine Caño hat Wasser, das nicht vom Erdölkonzern beeinflusst ist, der direkt daneben hat Wasser, das mit krebserregenden Schwermetallen aus der Erdölproduktion verunreinigt ist. Welchen Fisch kann man noch essen und welcher macht krank? In der Vereda El Sinai, dem meist betroffensten Abschnitt, ist im März 2024 ein 25-Jähriger an Magenkrebs gestorben, weil er zu viel von Fischen gegessen hat, die nachweislich mit den krebserregenden Schwermetallen verseucht waren, berichteten mir seine Nachbarinnen. Trotz aller Schwierigkeiten für die community sinnvoll an diesem monitoring teilzunehmen, sehen sie es als einen Weg sich dieses Verständnis über ihre Umwelt wiederzuholen.
Ein kurzer Einschub zu einem Thema, das nicht wirklich Teil des Forschungsprojekts war, aber trotzdem relevant ist. Das Öl, das in Arauca gefördert wird, sollte ja dann auch exportiert werden. Dafür sollte eine Pipeline gebaut werden, die das Öl vom Förderort in Arauca bis an die Karibikküste bringt, wo es dann in Schiffen abtransportiert werden kann. Da jedoch keine kolumbianische Firma Erfahrung im Bau von 780km langen Öl-Pipelines hatte, wurde die deutsche Mannesmann AG mit der technischen Umsetzung beauftragt. 1984 wurden während des Baus der Pipeline zwei deutsche Ingenieure von dem ELN (ejercito liberatorio nacional) entführt. Das ELN hatte sich gegründet, um einen revolutionären bewaffneten Befreiungskampf zu führen. Mit Vorbildern aus der Guerilla-Bewegung [work in Progress]